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Deutschlands Mittelstand setzt auf industrielle KI, um seinen Fertigungsvorsprung zu verteidigen

Die familiengeführten Ingenieursbetriebe des deutschen Mittelstands bauten ihren Ruf auf Präzisionsfertigung, nicht auf Software. Angesichts günstigerer Konkurrenz aus Asien rüsten viele nun auf KI-gestützte Automatisierung um, um vorn zu bleiben.

By City PM
Roboterarm an einem Fertigungsband

Der Mittelstand – Deutschlands dichtes Netzwerk kleiner und mittlerer, oft familiengeführter Fertigungsbetriebe – war nie ein Geschäftsmodell, das sich leicht kopieren ließ. Es beruht auf jahrzehntelang angesammeltem Präzisionstechnik-Wissen, tiefen Kundenbeziehungen in engen industriellen Nischen und der Bereitschaft, Gewinne zu reinvestieren statt auszuschütten. Dieses Modell hat Deutschlands Exportwirtschaft aufgebaut. Nun steht es vor seiner ernsthaftesten Bewährungsprobe seit einer Generation.

Chinesische Hersteller sind in der Wertschöpfungskette deutlich schneller aufgestiegen, als viele Mittelstandschefs vor zehn Jahren erwartet hätten – und konkurrieren zunehmend nicht nur beim Preis, sondern auch bei Präzision und Lieferzeit. Die Energiekosten in Deutschland stiegen nach der Unterbrechung russischer Gaslieferungen stark an und untergruben einen Kostenvorteil, den die deutsche Industrie über eine Generation hinweg als selbstverständlich betrachtet hatte. Die Antwort besteht zunehmend nicht darin, über Lohnkosten zu konkurrieren – ein Kampf, den deutsche Hersteller nicht gewinnen können –, sondern darin, wie viel der Fabrikhalle mit weniger direktem menschlichem Eingriff laufen kann.

Der Mittelstand kann die chinesische Fertigung nicht unterbieten. Er wettet darauf, sie bei der Präzision zu übertreffen – mit KI, die die Arbeit übernimmt, für die früher mehr Personal nötig war.

Wo die Automatisierung tatsächlich hingeht

Das gängige Bild industrieller KI ist für viele Führungskräfte immer noch ein humanoider Roboter am Fließband. Die Realität in Mittelstandsbetrieben ist weniger kinoreif, aber folgenreicher: Bildverarbeitungssysteme, die Fertigungsfehler erkennen, die menschlichen Prüfern entgehen, vorausschauende Wartungssoftware, die ein ausfallendes Bauteil meldet, bevor es eine Produktionslinie stoppt, und KI-gestützte Konstruktionswerkzeuge, die Prototypenzyklen von Wochen auf Tage verkürzen.

~99%der deutschen Unternehmen gelten als Mittelstand und beschäftigen den Großteil der privatwirtschaftlichen Belegschaft
Baden-Württemberg & BayernDie beiden Bundesländer mit der dichtesten Konzentration an Präzisionstechnik- und Automobilzuliefer-Mittelstandsbetrieben

Der deutsche Maschinenbauverband VDMA drängt seine Mitgliedsunternehmen seit einigen Jahren zu dem, was er Industrie 4.0 nennt – vernetzte, datengetriebene Fertigung. Verändert hat sich zuletzt weniger der Anspruch als das Handwerkszeug: KI-Modelle, die die spezifischen Fehlermuster einer bestimmten Fabrik erlernen können, statt sich auf generische regelbasierte Prüfsysteme zu verlassen, haben Automatisierung auch für kleinere Produktionsserien wirtschaftlich gemacht, die die Investition zuvor nicht rechtfertigten.

Das Personalproblem hinter dem Technologieproblem

Die schwierigere Einschränkung ist nicht die KI selbst, sondern die Menschen, die sie einsetzen müssen. Mittelstandsbetriebe sind fast per Definition nicht groß genug, um eigene KI-Forschungsteams zu unterhalten, wie es ein Siemens- oder Bosch-Konzern kann. Viele arbeiten über ein wachsendes Ökosystem spezialisierter Integratoren und Hochschul-Ausgründungen – die deutschen Fraunhofer-Institute sind zu einer besonders wichtigen Brücke zwischen akademischer KI-Forschung und dem Einsatz in der Fabrikhalle geworden –, statt Kompetenzen von Grund auf selbst aufzubauen.

Der Vorteil des Mittelstands war immer die Tiefe seines technischen Wissens. Die Wette lautet nun, dass KI schneller auf diesem Wissen trainiert werden kann, als Wettbewerber es selbst aufbauen können.

Worum es wirklich geht

Dies ist keine Geschichte davon, dass Roboter deutsche Fabrikarbeiter im großen Stil ersetzen – die demografische Realität ist eher das Gegenteil, denn viele Mittelstandsbetriebe haben Schwierigkeiten, Fachkräftestellen zu besetzen, während die Belegschaft älter wird. Die treffendere Beschreibung lautet, dass KI-gestützte Automatisierung eingesetzt wird, um Ausbringungsmenge und Qualität mit einer nicht wachsenden Belegschaft zu erhalten – angesichts von Wettbewerbern, die deutsche Fertigungsqualität inzwischen zu einer niedrigeren Kostenbasis erreichen können.

Ob das gelingt, wird sich in den nationalen Gesamtstatistiken erst in einigen Jahren zeigen. Sichtbar wird es, wenn überhaupt, daran, ob deutsche Präzisionshersteller auch in zehn Jahren noch einen Preisaufschlag durchsetzen können – oder ob dieser Aufschlag schließlich erodiert, wie es eine Generation zuvor bei der Unterhaltungselektronik geschah. Der Mittelstand hat strukturelle Bedrohungen schon öfter überstanden. Dies ist die erste, bei der die Antwort ebenso von Software wie von Stahl abhängt.

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