Das Euro-Clearing hat sich seit dem Brexit von London wegbewegt, die Europäische Zentralbank sitzt direkt vor Frankfurts Tür, und eine neue Generation deutscher Fintechs wächst rasant. Die Stadt ist längst mehr als nur Deutschlands Bankenzentrum.

Jahrzehntelang beruhte Londons Anspruch auf die europäische Finanzbranche auf einer einfachen Tatsache: Was auch immer ein Unternehmen brauchte – Euro-Clearing, grenzüberschreitende Notierungen, einen tiefen Pool institutionellen Kapitals – die City konnte es schneller und günstiger liefern als jeder Konkurrent auf dem Kontinent. Dieser Anspruch bröckelt seit 2016, und Nutznießer war zunehmend Frankfurt.
Frankfurt war nie ein überraschender Kandidat. Die Stadt beherbergte bereits die Europäische Zentralbank, die Deutsche Börse und die Bundesbank. Verändert hat sich das Ausmaß der Aktivität, die tatsächlich dorthin verlagert wird – und nicht nur eine Tochtergesellschaft, die lediglich zur Erfüllung regulatorischer Vorgaben eröffnet wurde.
Frankfurt musste Londons Geschäft nicht erobern, indem es aufregender wurde. Es musste nur die naheliegende, unspektakuläre, regelkonforme Alternative sein – und das war es.
Das auf Euro lautende Derivate-Clearing war der deutlichste Auslöser. Britische Clearinghäuser hatten über Jahre den weitaus größten Teil dieses Geschäfts abgewickelt, und europäische Regulierungsbehörden machten aus ihrem Unbehagen, eine derart systemrelevante Funktion außerhalb der EU-Aufsicht anzusiedeln, nach dem Brexit keinen Hehl. Der Druck wurde nicht auf einmal aufgebaut, aber die Richtung war unmissverständlich: Ein größerer Teil dieses Clearing-Geschäfts ist auf EU-Boden gewandert, und die Frankfurter Infrastruktur hat davon direkt profitiert.
Die zweite, weniger offensichtliche Verschiebung betrifft Fintech. Deutschlands Start-up-Szene wurde jahrelang höflich als vielversprechend, aber im Vergleich zu London eher untergeordnet beschrieben. Diese Beschreibung ist überholt. Die in Berlin gegründete Neobank N26 baute ein tatsächlich paneuropäisches Privatkundengeschäft auf. Trade Republic, mit Sitz in Berlin, aber stark auf Frankfurts Kapitalmarktinfrastruktur gestützt, wurde nach Nutzerzahlen zu einem der größten Retail-Broker Europas. Frankfurt selbst hat einen dichteren Cluster an Regulierungs-, Verwahrungs- und Clearing-Spezialisten aufgebaut als jede andere deutsche Stadt – was für Fintech-Infrastrukturprojekte wichtiger ist als für verbraucherorientierte Apps.
Nichts davon macht Frankfurt zu einem gleichwertigen Ersatz für London. London behält tiefere Kapitalmärkte, eine größere Vermögensverwaltungsbranche und ein Ökosystem aus Rechts- und Beratungsdienstleistungen, das über Generationen gewachsen ist. Aber das Argument, Frankfurt sei lediglich ein regulatorischer Außenposten – ein Ort, an dem Banken eine Lizenz und kein Geschäft unterhalten – ist nicht mehr haltbar.
Die Frage für London ist nicht mehr, ob Frankfurt eine Rolle spielt. Es ist, wie viel größer diese Rolle in fünf Jahren sein wird.
Für britische Finanz- und Beratungsunternehmen ist die praktische Konsequenz einfach: Eine Präsenz in Frankfurt wandelt sich von einer defensiven Brexit-Compliance-Maßnahme zu einer echten Wachstumschance. Unternehmen, die ihre EU-Tochtergesellschaft als reine Formalität behandelten, stellen zunehmend fest, dass genau diese Tochtergesellschaft zum Ursprungsort neuer EU-Kundenbeziehungen wird.
Die City of London verschwindet nicht als Finanzzentrum. Aber die Ära, in der sie davon ausgehen konnte, dass jede bedeutende europäische Finanzaktivität irgendwann automatisch über sie läuft, ist vorbei. Frankfurt hat ein Jahrzehnt damit verbracht, die stille, unglamouröse Infrastruktur aufzubauen – regulatorische Nähe, Clearing-Kapazität, eine heranreifende Fintech-Bank –, auf der die Finanzbranche tatsächlich läuft. Diese Geduld zahlt sich jetzt aus.