Der vollständige Ausstieg aus der Kernkraft und der Wegfall günstigen russischen Gases haben Deutschlands energieintensive Industrie in eine Kostenfalle gebracht, aus der es keinen schnellen Ausweg gibt.

Deutschlands energieintensive Industrie – Chemie, Stahl, Glas, Papier – wurde jahrzehntelang auf der Annahme aufgebaut, dass Energie verlässlich verfügbar und internationalen Wettbewerbern gegenüber wettbewerbsfähig bepreist bleibt. Diese Annahme ist nicht mehr haltbar. Der vollständige Ausstieg aus der Kernkraft und der Verlust günstigen russischen Pipeline-Gases nach 2022 haben zusammen zu Energiekosten geführt, die deutlich über denen wichtiger Wettbewerber wie den USA liegen.
Für Unternehmen mit hohem Energieverbrauch pro produzierter Einheit ist das kein Randproblem, sondern existenziell. Einige Chemieunternehmen haben bereits Produktionskapazität ins Ausland verlagert oder zumindest neue Investitionen bevorzugt außerhalb Deutschlands getätigt – eine Entwicklung, die Wirtschaftsverbände als schleichende Deindustrialisierung bezeichnen.
Eine Fabrik schließt selten von einem Tag auf den anderen wegen hoher Energiekosten. Sie investiert einfach woanders, bis am ursprünglichen Standort nur noch wenig übrig ist.
Die Bundesregierung setzt auf den beschleunigten Ausbau von Wind- und Solarkraft sowie auf subventionierte Industriestrompreise als Überbrückungsmaßnahme, bis erneuerbare Kapazitäten ausreichend Grundlast liefern können. Kritiker halten das Tempo des Netzausbaus für zu langsam, um mit dem wachsenden Strombedarf energieintensiver Industrien und gleichzeitig der Elektrifizierung von Verkehr und Heizung Schritt zu halten.
Für international tätige Unternehmen mit Produktionsstätten in Deutschland ist die praktische Konsequenz, Energiekosten inzwischen als strategischen Standortfaktor zu behandeln und nicht mehr als gegeben vorauszusetzen. Die Zeit, in der ein deutscher Produktionsstandort automatisch günstige und verlässliche Energie bedeutete, ist vorbei – und eine schnelle Rückkehr zu diesem Zustand ist nicht in Sicht.